Es geht ein Umbruch in der Krankenhaus-IT vonstatten. Alte Legacy-Systeme werden durch Applikationen offene Standards abgelöst. Das zeigen auch die jüngsten Pressemittelungen, on Charité Berlin, UK Basel u.v.a.m. OpenEHR und FHIR sind die Stichworte. Grund, dies näher zu beleuchten ( Fachbeitrag 1/2).
Die Einführung des Standards FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources) hat das Potenzial, die Interoperabilität im Gesundheitswesen grundlegend zu verändern. Doch trotz seiner Verbreitung wird FHIR oft missverstanden und falsch implementiert. Dieser Beitrag beleuchtet die strategische Bedeutung von FHIR, seine Herausforderungen und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Implementierung.
FHIR: Ein Entwicklungsframework, keine API
FHIR wird häufig als moderne Schnittstelle oder API betrachtet. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein Entwicklungsframework, das in der Interoperabilitätsarchitektur verankert ist. Es bietet die Grundlage für standardisierte Datenmodelle und ermöglicht den Austausch von Gesundheitsdaten. FHIR entfaltet seinen vollen Wert erst, wenn es als Integrationsplattform und nicht nur als Austauschformat genutzt wird. Richtig eingesetzt, bietet FHIR:
- Einen canonical data layer für konsistente Datenhaltung,
- Standardisierte Semantik für einheitliche Dateninterpretation,
- Event-basierte Architekturen für dynamische Datenflüsse,
- Herstellerunabhängige Integrationsstrategien und
- Die Grundlage für App- und KI-Ökosysteme.
Herausforderungen bei der Implementierung
Die Einführung von FHIR ist nicht primär eine technische, sondern eine organisatorische Herausforderung. Erfolgreiche Projekte erfordern:
- Governance: Klare Verantwortlichkeiten und Entscheidungsstrukturen,
- Terminologiestrategie: Einheitliche und verbindliche Terminologien wie SNOMED CT und LOINC,
- Versionierungsdisziplin: Umgang mit unterschiedlichen Profilversionen,
- Architekturverantwortung: Integration in bestehende IT-Landschaften,
- Stakeholder-Alignment: Einbindung aller relevanten Akteure.
In der Praxis zeigt sich, dass FHIR-Projekte zu 40 % aus Technik und zu 60 % aus organisatorischen und architektonischen Aufgaben bestehen. Ohne eine klare Strategie bleibt FHIR ein reines Austauschformat, das sein Potenzial nicht ausschöpfen kann.
FHIR und openEHR: Ein Zusammenspiel für die Zukunft?
Ein häufig diskutiertes Thema ist die Kombination von FHIR mit openEHR, einem Standard, der speziell für die Langzeitdatenhaltung entwickelt wurde. Während FHIR für den Datenaustausch konzipiert ist, bietet openEHR eine robuste Grundlage für die Persistierung von Gesundheitsdaten. Eine gemeinsame Nutzung beider Standards könnte die Interoperabilität und Datenqualität erheblich verbessern. Allerdings fehlt es in Deutschland noch an einer breiten Akzeptanz und Umsetzung dieser Kombination.
Informationssicherheit und Qualitätssicherung
Die Nutzung von FHIR als Integrationsplattform bringt neue Herausforderungen im Bereich der Informationssicherheit mit sich. Ohne ein integriertes Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS), wie es beispielsweise durch ISO 27001 gefordert wird, entstehen erhebliche Risiken. Zudem ist die Qualitätssicherung entscheidend: FHIR ist erst dann „fertig“, wenn Qualität, Profilkonformität und Terminologie-Governance kontinuierlich überwacht werden. Dies erfordert:
- Messbare Datenqualität,
- Konformität mit Profilen und Terminologien,
- Überwachung von Änderungen und deren Auswirkungen.
Praxisbeispiele und internationale Perspektiven
Internationale Projekte zeigen, wie FHIR erfolgreich eingesetzt werden kann. In der Schweiz wird beispielsweise das elektronische Patientendossier (EPD) auf FHIR-Basis betrieben, während in Dänemark nach einem gescheiterten IT-Projekt eine nationale Plattform eingeführt wurde. Diese Beispiele verdeutlichen, dass FHIR strategisch gedacht und implementiert werden muss, um langfristig erfolgreich zu sein.
Fazit
FHIR ist weit mehr als ein technisches Austauschformat. Es bietet die Grundlage für eine zukunftsfähige, interoperable IT-Architektur im Gesundheitswesen. Doch der Erfolg hängt von einer strategischen Herangehensweise ab, die Technik, Organisation und Governance gleichermaßen berücksichtigt. Nur durch eine klare Zielarchitektur, eine strukturierte Datenerfassung und eine kontinuierliche Qualitätssicherung kann FHIR sein volles Potenzial entfalten und einen echten Mehrwert für das Gesundheitswesen schaffen.